… und jährlich grüßt das Murmeltier  Teil 1

Backen ist meditativ ...

Wie fast jedes Jahr, so auch heuer, kam das Weihnachtsfest ›plötzlich und völlig unerwartet‹. Es erwischte mich – so zu sagen – kalt … Nur, dieses Jahr war es nicht einmal kalt. Es hat nicht einmal geschneit!!! Wie sollte ich in die Weihnachtsstimmung kommen? Das Klima schlug Kapriolen und das Wetter machte mit. Das war es, was mich gänzlich aus dem Rhythmus brachte.

Der Kalender mahnte zur Eile – je näher der 1. Advent kam, desto größer wurden die Zahlen auf den Kalender-Blättern. Ich habe das Schreien des Kalenders nicht nur überhört – schlimmer – ich habe es ignoriert.

Bisher habe ich mich gut am Geburtstag von meiner Freundin orientiert, denn da hat es immer den ersten Schnee gegeben. Der 21. November war somit für mich der wahre visuelle Winteranfang.

Nun habe ich es verstanden, dass ich mich den Klima-Kapriolen ergeben muss … So habe ich mir die Veränderung der Welt nicht vorgestellt, aber gut – ich bin anpassungsfähig.

Der Wecker schelte müde und erinnerte mich daran, dass er neue Batterien braucht und ich einen Kaffee. Ja, ich habe meine Gewohnheiten und Rituale. Nach dem Aufstehen gehe ich in die Küche am Spiegel vorbei, schaue wie verschlafen ich bin und welchen Wiedererkennungsgrad ich gerade habe, um die richtige Stärke des Kaffees einzustellen. Heute war ein doppelter Espresso ein Muss … Noch ziemlich zerbröselt saß ich auf dem Sofa und schlürfte den ›dopio caffé espresso‹. Ich hoffte auf die grandiose Energiewelle, die es schafft meine lethargischen ›Brösel‹ leicht beschwingt zu bewegen … Auch das war ein Trugschluss und gehörte wahrscheinlich zu den Auswirkungen der Weltveränderung. ›Selbst ist die Frau und Mutter‹, sagte mir meine innere Stimme und ich schaffte es mir den zweiten dopio caffé espresso zu machen. Diesmal stand ich dabei, um nicht im Sofa zu versinken. So schaffte ich mir eine gewisse Startposition, eine Poolposition – so zu sagen, um dem Tag entsprechend zu begegnen. Nur gut, dass keiner mitbekommt, wie mich die ›Weltveränderung‹ vereinnahmt.

Es war schon spät, denn es war 3 Tage vor Weihnachten und mir ist der ›Geist der Weihnacht‹ irgendwie abhandengekommen. Gut, dachte ich mir, du weißt, wie es geht, hast so oft schon die Weihnachtstage erlebt, dann greift doch mal in die Kiste der Erinnerungen, toller Erlebnisse und Erfahrungen … Ja … Toll. Mach mal aus ›Schiete‹ Rosinen … Ich kramte in meinen Erinnerungen, kam dann doch ›ins Schwärmen‹ und entschied mich dazu mit den süßen Erinnerungen anzufangen …

Ich ließ mich von der traditionellen Plätzchenbäckerei in die Pflicht nehmen. Ich hoffte, dass mich das Backen in die vorweihnachtliche Stimmung bringen könnte…, ich kann dabei gut entspannen und nachdenken.

Bei der Teigzubereitung griff ich zum Orangeat, und erinnerte mich daran, dass zwei meiner drei Kinder ihn nicht mögen. Für mich ist das anders. Ich verbinde diese Zutat mit meiner Kindheit. Ich wuchs in der Nachkriegszeit auf und in einem Land, wo es diesen Luxus als Fertigprodukt, nicht zu kaufen gab. Wie auch viele andere ›Selbstverständlichkeiten‹ heutiger Zeit. So waren die Familien ihren Müttern und Hausfrauen schuldig, jede Orangenschale gut zu behandeln und akribisch zu sammeln. Diese wurden dann in einem Zuckersirup geköchelt, bis sie weich wurden. Danach hat man sie in einem Einweckglas in der Speisekammer, vor naschenden Kindern sicher aufbewahrt. Auf dem höchsten Boden des deckenhohen Regals.

Nebenbei bemerkt, war die Speisekammer der ›Fort Knox‹, die Schatzkammer der guten Hausfrau, die sie mit Argusaugen bewachte. Der süße Duft dieser Prozedur war eine Ankündigung der nahenden Weihnachtszeit, und für uns Kinder fast betäubend in seiner Glückseligkeit.

Wie hat sich die Zeit doch verändert … Vieles ist einfacher und leichter geworden. Alles wird mit der Zeitersparnis und höherem Komfort rechtfertigt – was sicher seine Berechtigung hat. Orangeat bekomme ich fertig, Himbeeren gibt es auch im Winter und die Kleinen pupsen luxuriös in die Pampers. Und wieso habe ich trotzdem nicht das Gefühl wirklich über mehr Zeit zu verfügen und wirklich komfortabler und leichter zu haben? Wo sitzt das Fehlerteufelchen? Ich muss nicht die beiden Hände benutzen um an allen Fingern etwas abzuzählen – das erledigt mein Rechner, mein Handy erinnert mich an meine Termine und auch daran, dass ich wieder zugenommen habe … Damit wäre die Geburtstagsfeier bei Tante Maria gestrichen … Geschenk bekäme sie trotzdem. Ergo – die Plätzchen trage ich heute gar nicht erst in die App ein!

Fortsetzung Teil 2