… und jährlich grüßt das Murmeltier  Teil 2

moderne Zeiten

Diese unsere moderne und komfortable Bequemlichkeit bezahlen wir teuer mit unserer Freiheit und Unabhängigkeit. Wie viele sind kabellos mit ihrem Handy rund um die Uhr verbunden und festgetackert in den sozialen Medien – inniger als mit dem eigenen Partner. Sollte uns das nicht mal zu denken geben?

 

Es ist nichts falsch an den technologischen Errungenschaften, doch wir sollen es ernsthaft vermeiden uns selbst zu versklaven. Steckt da vielleicht eine ›dunkle Absicht‹ dahinter, die uns leichtsinnig, blind und unsensibel macht, die uns eine ›Leichtigkeit‹ vorgaukelt, um uns später, nach dem Aufwachen, dafür teuer bezahlen zu lassen? Verpasste Chancen und Gelegenheiten anderen das zu sagen, was wichtig ist, etwas tun, was wir schon immer für sich,

oder für den Anderen und mit ihm, tun wollten? Die Uhr tickt und mit jedem Tick wird uns die Vergänglichkeit bewusster…

Den nächsten Teig knete ich doch traditionell mit den Händen. Es ist doch eine meditative Angelegenheit. Ich erinnere mich gut daran, wie meine Großmutter diese Zeit nutzte. Sie bereitete den Teig unter dem Abgesang zahlreicher Kirchenlieder, um in die Stimmung der Weihnacht zu kommen. Das Repertoire schien unerschöpflich zu sein. Mit Bewunderung schaute ich dem Werden und Wachsen des Teiges und der Vielfalt der Sorten des Gebäcks, unter ihren Händen zu. Am liebsten saß ich am Küchenfenster, schaute auf die verschneite Straße und eilig vorbei huschende Schatten im Lichtkegel der Laternen. Die Wärme der Küchenstube und der Singsang der Ahnin in der weihnachtlichen Vorbereitungszeit, sind für mich das Sinnbild für Geborgenheit geworden. Irgendwann durfte ich meiner Großmutter beim Backen helfen. Zusammen bereiteten und dekorierten wir die süßen Verführungen. Und ich gab diese Tradition an meine Kinder weiter.

Meine Plätzchen sind jetzt im Ofen, und verbreiten einen verführerischen Duft aus Zimt, Lebkuchengewürz, Orangeat und Mandeln… Noch ein paar Minuten, dann ist alles fertig. Die Rezepte meiner Großmutter gab ich weiter. Doch inzwischen backe ich allein, denn die Kinder sind schon groß und die Enkelkinder zu klein, oder zu weit …

Im Hause meiner Großeltern war die Vorbereitung jeglicher Feier und Festes, eine traditionelle weibliche Angelegenheit. Die Weiblichkeit der Familie versammelte sich in der Durchgangsküche des kleinen Häuschens am Rande der Stadt. Dabei nutzten die ›Herren der Schöpfung‹ die Gelegenheit den selbst angesetzten Obstwein des Großvaters zu verkosten. Sie schauten dabei eine Fußballübertragung in schwarz-weiß an. Sie waren beschäftigt. Diese Stunden hatten etwas Magisches an sich. Die Göttinnen der Backkunst dieser Familie zauberten mit den vielen kostbaren Zutaten, unzählige Köstlichkeiten. Wir – die jungen weiblichen Zauberlehrlinge – erstarrten aus Ehrfurcht vor der riesengroßen glasierten Teigschüssel, aus schwerem gebrannten Ton und dem Teigknüppel. Mit diesem wurde der Teig mit sehr viel Liebe, Geduld und Hingabe ›gedreht‹. Die Schüssel wurde im Sitzen zwischen den Knien festgehalten – manchmal mit der Beihilfe einer weiteren gegenübersitzender Person. Der Teigknüppel konnte dadurch mit beiden Händen kraftvoll gedreht werden. Schwere Teige mit vielen Backzutaten wurden manchmal bis zur Erschöpfung mit sehr viel Leidenschaft und Kraft erstellt. Die Reste des Teiges auskratzen zu dürfen, war unsere ›Belohnung‹, und unser großes Privileg, und wir teilten es zwischen uns auf. Die ›erfahrenen‹ und älteren dürften die Schüssel auskratzen, die jüngeren unter uns, die Zuschauer, bekamen den Teigknüppel. Die dekorative Fertigstellung der Torten war die Kür der Meisterschaft. Hierbei wurde alles Können, Fantasie und Kreativität in die Waagschale geworfen. Alles brauchte viel Zeit, Mühe und vor allem Hingabe. Doch die zusammengekniffenen Augen der Gäste im Genussrausch und stiller Verzückung, waren die größte Anerkennung und Belohnung, für die Mühen der Herstellung dieser Kunstwerke.

Rückblickend beeindruckte mich gerade diese Hingabe, fast schon Zärtlichkeit, mit der die Frauen dieser Zeit mit ihrer Hände Arbeit umgingen. Da war so viel Wertschätzung und Dankbarkeit dabei. Ich habe das Bild vor meinen Augen, wo die Großmütter und Mütter des Dorfes die gebackenen Oster-Gugelhupfe aus dem Ofen auf Kissen stürzten, und diese dann in einer auf-und-ab Bewegung im Freien, zum Abkühlen brachten. Es erinnerte mich fast an einen Tanz der Derwische, die im Morgengrauen eines vorösterlichen Tages, dieses Ritual abhielten. Die langsame Abkühlung des dampfenden Gebäcks, war für dieses wichtig und garantierte die lockere Konsistenz. Es war eine Zeit der ständigen Friedensbedrohung, und die Menschen waren dankbar für den, für diese Zeit, reich gedeckten Tisch. Die Nahrungsmittel wurden wertgeschätzt und mit großer Achtsamkeit und Sorgfalt, oft langwierig zubereitet. Und sie wurden mit angemessener Bewusstheit zu sich genommen. Meine Großmutter segnete alle Speisen …

Foertsetzung Teil 3

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