Vom Nehmen und Geben ...

Der Tag fing recht hektisch an. Vielleicht lag es daran, dass ich mit dem linken Fuß viel zu spät aufgestanden war. Der rechte Fuß schlief noch anscheinend. Es war vom Anfang an alles zu spät und ich lief meinem Tagesrhythmus hinterher.

 

Der Termin hing wie ein Damoklesschwert über meinen Bemühungen alles zum Laufen zu bringen. Katzenwäsche, Kaffee im Stehen, Jeans und Pullover – das genügt. Hauptsache schnell, bequem und ansehnlich.Zu dieser Tageszeit waren auf dem Parkplatz in der Altstadt, die Parkplätze rar. Das habe ich auch vergessen, doch ich hatte – wenigstens jetzt – etwas Glück. Es fuhr jemand gerade raus. Nur noch schnell das Ticket bezahlen und die Welt ist wieder in Ordnung … Weit gefehlt! Ich hatte in der Eile die falsche Tasche erwischt und kein Kleingeld dabei.

Die Bank-Karte zwar da, aber keine Bank. Verzweifelt kroch ich auf der Suche nach Kleinmünzen in meine Handtasche, die mich förmlich verschlang, doch vergebens. Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter. Langsam befreite ich meinen Kopf aus der Tasche. Vor mir stand ein Mann mittleren Alters und lächelte mich an. In der Hand hielt er einen Parkschein.

»Könnten Sie den gebrauchen? Mein Termin ist geplatzt. Da sind noch 30 Minuten drauf…«.

»Sie schickt der Himmel!! Vielen Dank…«

Mein Termin verlief sehr zufriedenstellend und alles schien sich langsam zu normalisieren. Ich holte am Automaten Geld und beschloss noch einen Kaffee beim Bäcker zu trinken.

In der Reihe vor mir beobachtete ich eine ältere gepflegte Dame. Ich sah ihren müden Gang, die saubere Jacke mit den schon abgewetzten Ärmeln und ihre Bemühung diese zu verstecken. Sie bestellte sich ein Croissant und einen Cappuccino, doch anscheinend reichte ihr Geld nicht aus. Auch für einen Kaffee war es nicht genug und so bat sie nur um ein Glas Wasser dazu. Die Verkäuferin tat es ohne Kommentar. Die Dame nahm ihr Tablett und suchte sich in der dunkelsten Ecke einen Sitzplatz. Ich spürte eine Beklemmung in meiner Magengrube…

Als ich dran war, bestellte ich einen Kaffee, ein Croissant und einen Cappuccino. Ich ging zu der alten Dame:

»Darf ich Sie zu einem Cappuccino einladen? «

Die ältere Dame schaute mich verwundert an und lächelte mich an.

Wir unterhielten uns einen Kaffee lang über belanglose Sachen. Ich war glücklich das, zurückgeben zu können, was mir heute gegeben wurde…

Ab und zu treffe ich die ältere Dame in der Bäckerei. Wir trinken dann einen Kaffee oder einen Cappuccino zusammen, unterhalten uns über wichtige belanglose Dinge, und genießen diese Augenblicke. Manchmal habe ich den Eindruck, als wenn sie auf mich warten würde. Und ich ertappe mich dabei, dass ich beim Vorbeigehen in die Bäckerei reinschaue, auf der Suche nach der älteren gepflegten Dame mit dem Croissant.

©2019 by FederWolke 7. Proudly created with Wix.com

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now