»Okiel! … Okiel!    Wo ist Opa?«

[…]

Und tatsächlich! Da schlief jemand…

Der Vier-Jahreszeiten-Baum wachte über dem kleinen Wesen, schützte es vor dem Fallen und deckte es mit seiner üppigen Blätterpracht zu.

Es lag auf einem weichen Blüten-Kissen. An alles wurde gedacht.

 

»Weck es auf, weck es auf! Wer ist es? «, riefen der Regenbogen und die Sonne neugierig ihm zu, »…sag, wer ist es? «

 

Der Baum bat den Wind mit den Kristallen, zu spielen, um so sanft den kleinen Schläfer aufzuwecken. Und tatsächlich! 

 

Die Erzengel hörten die Musik und kamen herbei, aber der kleine Schläfer schlief weiter, lächelte völlig unbekümmert, kratzte sich am… - das ist jetzt auch egal – und drehte sich auf die andere Seite.

»Wir sollten dem Lieben Gott Bescheid sagen, dass wir einen Gast haben«, beschlossen einstimmig die Erzengel. Gesagt, getan.

 

»Soo? Ein ›blinder Passagier‹, so zu sagen… Hm, wir wecken ihn auf!«, beschloss Gott. An Ort und Stelle schaute sich Gott die Situation näher an.

 

»Ich weiß, wer das ist! «, sagte Gott lächelnd, »…na? Wer kann das sein? Wer liebt den Vier-Jahreszeit-Baum so sehr, kommt öfters vorbei und genießt das Windspiel mit den Kristallen? «, schmunzelnd schaute Gott in die Runde seiner Erzengel.

 

»Ahh...! Da gibt es nur die eine, kleine Seele, auf die alles passt. Okiel ! … Okiel! «, riefen die Erzengel lachend im Chor.

 

»… ich habe nichts gemacht…«, rief Okiel noch halb verschlafen und rieb sich die Augen.

 

Dann sah sie das Begrüßungskomitee und lachte, so, wie nur Okiel lachen kann.

 

»Ohh, wie schön…«, rief sie begeistert und rutschte sanft bis auf den Boden.

 

»Na…, meine kleine Okiel, was machst du hier so allein? Was führt dich zu uns?«, fragte Gott besorgt.

 

»Lieber Gott, es war schon spät … Und ich wollte warten, dass du aufwachst. Aber dann bin ich selber eingeschlafen… - ich weiß doch, dass du seeehr früh aufstehst, aber ich vergesse hier die Zeit …« Okiel stand vor Gott und den Erzengeln und breitete ratlos ihre Ärmchen aus.

 

»Gut…, komm, erzähle uns, wie es dir geht? Gibt es einen besonderen Grund, warum du uns besuchst? Wie geht es deinem Brüderchen und deinen Eltern?« Alle waren interessiert daran zu erfahren, wie Okiel, die auf der Erde ein Mädchen ist, ihre Aufgaben in der Mission meistert.

 

»Ja… es geht ihnen gut. Papa kann noch nicht mit ihm Fußball spielen, aber er trainiert fleißig mit ihm, nur…«.

 

»Ja? Was denn?«

 

»… er spielt lieber mit meinen Puppen…« Okiel schmunzelte verlegen und schaute alle mit ihren blauen Augen an. Alle lachten laut.

 

»Liebe Okiel, so, wie du auch mal gern auf die Bäume kletterst, spielen Jungs gerne mal auch mit Puppen. Ist der Papa ungeduldig deshalb? Er muss noch etwas wachsen. Das wird schon, glaube mir «, beruhigte Gott die kleine Seele, »…alles braucht Zeit zum reifen.«

 

Okiel war mit dieser Antwort zufrieden.

 

»… Aber das ist noch nicht alles, nicht wahr? Komm, erzähl, was dich bedrückt. Das sehe ich dir doch an. Um sonst würdest du nicht so lange auf mich warten? «

 

Gott kannte seine kleine Seele und wusste, dass es diesmal etwas ist, was die kleine Seele noch nicht kannte.

Sie gingen ein paar Schritte durch die üppigen Blumenfelder und sattgrünen Auen, am Fluss entlang, bis sie am Ufer des Meeres ankamen, denn im Himmel ist alles da, wie auf der Erde.

 

Sie setzten sich auf die Sanddüne und hörten eine Weile dem leisen Flüstern und plätschern der Wellen zu. Sie schauten dem Schaukeln der Wellen, und dem Kommen und Gehen und wieder dem Ankommen des Wassers, zu. Und obwohl es immer wieder das gleiche Meer war, waren die Wellen sowie das Ankommen und das Gehen, jedes Mal anders …

 

»Siehst du, wie das Meer da ist und immer wieder zurückkommt, weil nur sein Wasser ständig in Bewegung ist? Das Wasser ist wie das Leben, in ständigem Kommen und Gehen … Die Welle, die du vorher gesehen hast, ist jetzt zurückgegangen, aber sie ist weiterhin da im Meer, nur in anderer Form … Sie kommt wieder, als eine andere Welle. «

 

Es schien, als wenn Gott schon ahnte, was die kleine Seele so beschäftigte.

 

»Ich habe in der Schule einen Freund und auch andere Freunde…, aber den einen mag ich besonders, weil er auch so gute Ideen hat … Nur jetzt nicht mehr so! «

 

»Ihr versteht euch doch gut! Was ist denn passiert, dass du so verärgert bist? «

 

»Du weißt das? «

 

»Ich weiß vieles, aber am liebsten ist es mir, wenn ihr selber damit zu mir kommt und es mir selbst erzählt«, sagte Gott mit liebevoller Stimme und streichelte die kleine Okiel.

 

»Er tut mir so leid, weil er so traurig ist. Aber ich weiß nicht, wie ich ihm helfen kann und ich möchte ihm gern helfen, aber ich weiß nicht wie? Außerdem … Mag ich ihn nicht mehr so, weil er über dich schimpft! «

 

»Hmm ... Warum das denn?«

 

»Er weiß nicht, wo sein Opa ist … Er ist ins Krankenhaus gegangen, um gesund zu werden. Da ist er aber nicht mehr … Nach Hause ist er auch nicht wieder gekommen … Er ist sehr traurig, weil seine Eltern ihm gesagt haben, dass du ihn geholt hast … Und er hat jetzt niemanden mit dem er basteln kann und der ihm solche tollen Geschichten von früher erzählt … Wo ist sein Opa, Lieber Gott?! « Okiel war energisch.

 

»Deshalb warst du so müde geworden und bist im Baum eingeschlafen? Du hast ihn für deinen Freund finden wollen …«

 

Okiel saß da, wie ein Häufchen Elend.

»Sein Opa, viel mehr sein Körper, war schon sehr müde und kränklich. Es diente ihm sehr gut, aber auch schon so

lange…

 

[…]

 

Aus dem Manuskript:Kinga Maria Schielke »Okiel! … Okiel! Wo ist Opa? « Copyright © 2019