Liebe in den Zeiten der Corona...

                   

     »Bist du glücklich?«

Diese Frage traf mich unerwartet, wie ein Pfeil. Sie riss mich aus meiner meditativen Gedankenreise und setzte mich unsanft auf dem Boden. Ich öffnete die Augen und sah meine Freundin fragend an.

     »Wie meinst du das? Und wie kommst du jetzt plötzlich auf so was?«

     Pauline saß immer noch entspannt, mit verschlossenen Augen und in ihrem Meditation-Schneidersitz verknotet. Bewundernswert in ihrem Alter.

Ich scannte ungläubig meine Freundin, als würde ich ihr und dieser Frage nicht trauen…

»Vergiss es… war nur so ein Gedanke«, sie löste sich aus der Verrenkung und sah mich lächelnd an, » mach dich locker…« Sie dehnte ihren schlanken Körper und stand auf.

 

     Den ganzen Tag ging mir diese Frage nicht aus dem Kopf. › Warum triggert mich diese Frage so? Ich bin doch glücklich… Oder?...‹ Doch der Alltag gewann schnell wieder die Oberhand, und ich ließ es erstmal zu. Am Abend machte ich es mir gemütlich. Mein neues Sofa erlaubt es mir mich gänzlich der Länge nach auszustrecken. Dafür liebe ich es. Auf dem Vorgänger musste ich meine knappe 1,70 m, wie einen Paragrafen zusammenfalten.

 

     Ich dachte über den Tag nach und – natürlich – drängte sich Paulines Frage wieder vor …

Als ich 2018 angeregt wurde über meine Gedanken, Erlebnisse, Erfahrungen, vielleicht sogar ›Abenteuer‹ zu schreiben, ahnte ich nicht, wie sehr das mein Leben verändern würde… Begeistert griff ich zur Feder, aber so wirklich ahnte ich es nicht, was da auf mich zukommt. Ein klassischer Sprung ins kalte Wasser…

Zwei Jahre und jede Menge geschriebene Seiten später, blicke ich zurück. Gerade jetzt, wo die globalen Geschehnisse versuchen die Menschen zu beherrschen und ein scheinbarer Stillstand die Welt

ent-schleunigt und lahmlegt, legte sich ein lautloser unsichtbarer Schleier, über das pulsierende, bunte und schreiende Leben.

     Die Natur nahm es gelassen, als die Menschen ihr damit den Vortritt ließen. Sie bedankte sich mit ihrem ungestörten üppigen Wachstum und lebendiger, geschäftiger Raumübernahme. Die Menschen nahmen, nach einer kurzen Sinnes-Starre, diese ungewöhnliche Herausforderung gelassener und disziplinierter an. Endlich Zeit Sachen zu tun auf den inzwischen vergilbten ›ToDo‹-Listen, Hobbys nachzugehen, Gärten, Häuser und Wohnungen in Ordnung zu bringen, Kontakte aufzufrischen, Freunde endlich zurückzurufen und auf Nachrichten zu antworten, oder sich der Familie intensiver zu widmen. Vom Keller aufräumen will ich gar nicht erst sprechen…

     Doch der Schleier wich nicht und die Bewegungsfreiheit blieb weiterhin eingeschränkt, als wenn der Welt eine DornenKrone aufgezwungen wurde... Der gewohnte Lebensrhythmus trat außer Takt und neue Prioritäten gaben dem Leben ein langsameres, achtsameres Tempo. Durch den Cut entsteht plötzlich eine neue Wahrnehmung der Gegenwart. Nicht nur das. Auch die Wahrnehmung von Allem, was uns umgibt, prägt und triggert. Dadurch wird eine neue Wahrheit, neue bewusst wahrgenommene Realität kreiert. Die Ordnung entstand aus dem Chaos, so zu sagen. Wir Menschen sind kreativ und schöpferisch, eben nach göttlichem Abbild…

›Wie werde ich glücklich...?‹

     Die ehrlichsten Studien treibt man an sich selbst und so nutzte ich diese, gewisser Maßen, verordnete und fremd bestimmte Zeit, um sich meine Gewohnheiten, selbst auferlegte Regeln, Überzeugungen und vergilbte ToDo-Listen, näher anzuschauen und zu hinterfragen. Es hatte etwas vom Frühjahrsputz der eigenen Eitelkeiten, Bedürfnisse und  aufgeschobenen Aufgaben. Was passt noch in das Umfeld meiner Seele und was nicht? Was tut mir gut und was tue ich, nur, weil ich es schon immer so getan habe?... Es muss ja nicht schlecht sein, aber dient es mir noch, oder dient es mir nicht mehr?

Jede Erfahrung hat ihre zwei Seiten. Alles hängt von der Perspektive ihrer Betrachtung. Alles eine Sache der Einschätzung, ob das Glas halb-voll, oder halb-leer ist. Eine Bewusstseinssache. Eine Entscheidung. Eine Entscheidung für den Stillstand, oder für das Wachstum…

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     Ich wohne eher ländlich, habe meine ›wilden‹ Großstadt-Lebzeiten hinter mich gelassen. Ohne Wehmut. Genieße die Intimität dieser Siedlungsstruktur und die Nähe zur Natur. Ich liebe es, wenn mich das Vogelgezwitscher früh morgens weckt, anstatt dem Berufsverkehr, dem Bus oder der Straßenbahn. Neben der Natur sind noch die Schulkinder. Ihr Lachen und Frühgeschnatter kurz vor acht sind ein sympathischer Weckruf (der Wecker ist für mich ein mentaler Killer! Wie genieße ich es mich von diesem Zivilisationsfolterinstrument gelöst zu haben!!).

     Doch der Schulhof ist abgesperrt und die Schule zurzeit geschlossen. Der Hahn der abendländischen Nachbarn, der mir um 4 Uhr morgens den Sonnenaufgang signalisierte, ist auch verstummt. Kurz vor dem Grillfest… Da war noch die Nachbarin im Haus gegenüber, die ihre Fensterrollläden jeden Tag pünktlich um 6.30 Uhr mit Karacho hoch zog. Muss anscheinend jetzt auch nicht mehr so früh aufstehen.

Es ist stiller geworden und es fehlt mir. Es fehlt mir die Wahrnehmung der deutlichen Lebenszeichen meines Umfelds. In dem Moment ist es mir bewusst geworden, dass nichts selbstverständlich ist, auch nicht, wenn es ständig und regelmäßig geschieht. Es ist kein Drama. Es ist eine bewusste Feststellung einer Veränderung. Und so wird es vielleicht der Mehrheit der Menschen gehen. Plötzlich steht alles auf dem Prüfstand…

     Wir haben uns selbst und freiwillig in das Hamsterrad begeben, in Ermangelung besserer Alternativen, um mit dem Alltag-Strom, statt gegen den Strom zu schwimmen. Wir haben uns vereinnahmen lassen… Irgendwann war die Wahl zur Umkehr gefährlicher, da mit einschneidenden existenziellen Veränderungen verbunden, als das Weiterschwimmen. Jede Entscheidung wird kausal bedingt und bedingt weitere Entscheidungen anderer. Alles ist mit allem verbunden.

     Die Zeiten sind bewegend und fordernd. Desto wichtiger ist es bewusster alles zu hinterfragen. Wo stehen wir, wo möchten wir hin und wie machen wir das? Was ist für jeden von uns wichtig? Was bedeutet Souveränität und wie erreichen wir das? Wenn wir etwas verändern wollen – jeder für sich und alle gemeinsam – dann ist das eine gesegnete Zeit, und wir sollten diese Chance für unsere Fortentwicklung nutzen.

     Ich habe gelernt, dass unser Mikrokosmos in und um uns, eine Abbildung des Großen ist. Jedes Individuum hat das Recht auf seinen eigenen Entwicklungsweg in seinem eigenen Tempo. Auf eigene Erfahrungen, auf eigenes Verständnis der Lebensgestaltung, der Freiheit…

 

Ich bin in allem und alles ist in mir… Finde das Glück in dir, denn da ist es zu Hause.

      Es gibt Momente im Leben, da bietet sich das Glück förmlich an, wie auf einem Tablett. Oder es fällt, wie vom Himmel und liegt direkt vor deinen Füßen. Du musst es nur erkennen und aufheben können. Tatsächlich macht mich etwas erst dann glücklich, wenn ich einen anderen glücklich machen kann. Genauso, wie mit der Freude. Ich freue mich schon vorher auf die Freude in den glänzenden Augen des Beschenkten. Das macht mich glücklich! Für den, oder anderen Augenblick. Aber Glück ist in Wirklichkeit ein besonders hoch schwingender Zustand des Seins. Wie erreiche ich aber, dass er dauerhaft ist, nicht nur von kurzer Dauer?

     Paulines salopp in den Raum gestellte Frage, ob ich glücklich bin, war also eine Frage nach meinem momentanen Zustand meines Seins. Anscheinend habe ich das nicht ausgestrahlt… Dabei fühle ich mich nicht un-glücklich. Eher neutral. Oder… in der Schwebe…

     Ich überlege, wann ich mich zuletzt so richtig strahlend glücklich gefühlt habe. Jedes Mal war Liebe dabei im Spiel. Und Liebe schwingt auch am  höchsten. Dem zu folge hat Glück absolut was mit Liebe zu tun. Es ist jeder Aspekt der Liebe, der dir dieses Gefühl der Glückseligkeit und Freude zaubert. Dabei spielt die Selbstliebe eine bedeutende Rolle um das andauernde Glück empfinden zu können. Ein flüchtiges Gefühl des Glücks, oder Freude, dagegen, ist eher die Befriedigung des Egos, der Bedürfnisse des Verstandes und des Körpers. Ego kann nicht lieben. Schadenfreude hat nichts mit Liebe zu tun, Obsession hat nichts mit Liebe zu tun, Gewinnsucht auch nicht. Das sind Ego-Spielchen die ihm selbst schmeicheln. Daran kann man es erkennen und unterscheiden. Oft genug bin ich selbst in die Falle gegangen. Und sicher nicht nur mir ist es so ergangen. Allein der wohlbekannte Begriff  ›Frustkauf‹ spricht Bände und wenn wir ganz ehrlich zu uns selbst sind, indem wir die Gründe und den Hergang nachvollziehen, haben wir nur eine schnelle kurze Befriedigung und den dauernden Frust erreicht. Was hat uns so geritten, dass wir verblendet dem nachgegeben haben? Ach ja…

     Ich glaube, wenn wir begreifen, dass Selbstliebe kein Egoismus ist, aber ein Schlüssel zum Glücklich-Sein, dann verändern wir in dem Moment unsere Welt. Dann sind wir in der Lage dem Ego zu widerstehen und uns selbst, wie den besten Freund/in zu behandeln. Ich selbst bin immer bereit anderen zu helfen, damit es den anderen gut geht, damit sie das bekommen, was ihnen eine große Freude bringt und glücklich macht, dabei habe ich mich selbst ›als nicht so dringend‹ gesehen. Eine nicht nur ›schöne‹ Geste, sondern auch eine Einstellung, die Bedürfnisse der anderen zu erkennen und zu stillen. Sie an erster Stelle zu setzen. Doch inzwischen beachte ich mich selbst als genauso wichtig und wertvoll, wie die anderen, was bedeutet, dass ich gut abwägen kann, wann ich mich so behandle und liebevoll mit mir selbst umgehe, wie mit den anderen. Und es ist ein sehr gutes, beglückendes Gefühl.

›Was macht mich glücklich…? ‹

 

Zwei Wochen später…

*****

 

     Das Leben hat ein neues Kapitel aufgeschlagen… Kein unerwartetes, aber plötzliches… Ein Telefonat genügte um sich der Zerbrechlichkeit des Glücks und gleichzeitig die Kraft der Liebe bewusst zu werden… Trauer und Schmerz begleiten den Abschied vom geliebten Menschen. Doch das Glück und die Freude über das Geschenk sich bewusst verabschieden und sich noch das sagen zu können, was man im Herzen hat, ist unermäßlich und  bleibt für die Ewigkeit in Erinnerung… Das ist ein wahrer Trost. Genauso, wie dem geliebten Menschen noch bis zu Letzt dienen zu können. Es ist sehr tröstlich und es macht glücklich beim Abschied des geliebten Menschen die Dankbarkeit in seinen Augen zu sehen. Eine Gnade und… Glück.

 

     Aldon Huxley sagte:

  ›Erfahrung entsteht nicht aus dem was passiert. Erfahrung ist das, was du aus dem machst, was passiert‹.

     Es liegt also in unseren Händen eine Erfahrung, als eine beglückende zu sehen und zu empfinden.

›Siehe mit dem liebenden Herzen und lerne in Liebe loszulassen‹, hört sich nach einem guten Rezept an. So betrachtet hat mich das ›sich Sorgen machen‹ weder mich, noch die, um die ich mich gesorgt habe, glücklich gemacht. Denn es ist keine Liebe... Es hat mich deshalb auch nicht wirklich weiter gebracht. Doch die Suche nach dem Glück geht immer weiter. Am Ende führt sie mich immer wieder zu mir selbst zurück, als wollte es mir sagen:

     ›wann fängst du an endlich bei dir selbst zu suchen, um zu finden, statt in allem anderem?‹ …

      

Für meinen Vater…

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