Wie man das Leben genießt...
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Auf der ständigen Suche nach Glück, riskieren wir, dass uns auch unangenehme Schicksalsschläge treffen könnten. Wie oft hat man die Freude am Leben gefunden und sie sofort wieder verloren? Doch mentale Zustände, außergewöhnliche Eindrücke und Gefühle einer Erfüllung können uns näher sein, als wir denken.

 

 

Wie kann man jeden Tag genießen?

Meine Großmutter, die im Alter von 103 Jahren von uns ging, war eine bescheidene, wissbegierige und lebenskluge Persönlichkeit. Mit sehr viel Liebe, Achtsamkeit, tiefem Glauben und Humor, meisterte sie ihr Leben und überstand die kriegerischen Stürme der Weltgeschichte. Sie beobachtete viel, lächelte und kniff dabei die Augen etwas zusammen. Sie sprach wenig, dafür aber sinnvolles und essentielles.

Als ich sie einmal besuchte, sah sie mir direkt an, dass meine Suche nach dem ›Glück‹ wahrscheinlich nicht funktioniert. Sie sprach das nicht direkt an, wies mich auch nicht zurecht und sie drängte mir ihre Meinung über den ›falschen Weg‹ nicht auf. Doch das taten die paar Worte, die sie vor sich hin leise murmelte, als wenn sie es zu sich selbst sagen würde:

›…ich gehe dann mal in mein Garten…‹

Auch wenn ich diese Worte etliche Male schon gehört habe, in diesem Moment habe ich sie viel intensiver aufgenommen und verstanden. Ich spürte kompromisslose Freude und Zufriedenheit in mir, denn das war ihre authentische Art, das Leben zu genießen. Ihre Stimme war mit Wahrheit und Selbstliebe erfüllt... Diese wenigen Worte waren sicherlich keine Floskel, die wir oft stellvertretend verwenden, wenn wir emotionalen Leerlauf haben. Meine Großmutter war aufgrund ihres Alters und ihrer Gesundheit nicht mehr so mobil wie früher. Trotzdem verbrachte sie viel Zeit im Garten, in der Natur, betete viel im Zwiegespräch mit Gott und schaute sich manchmal TV-Nachrichten an. Sie freute sich, dass jemand in ihrem Zuhause anwesend war, denn auch wenn man nicht miteinander redet, war für sie die Anwesenheit anderer beruhigend. Manchmal sagte sie mir, dass ich zu dünn bin, aber ich sah darin den Ausdruck der Besorgnis und starken Zweifel an der modernen Art sich zu ernähren. Sie erzählte mir, dass sie eine herrenlose Katze füttert, obwohl es keine solche Verpflichtung für sie gibt. Sie verwöhnte sie mit kleinen Leckereien, und freute sich darüber, dass ihr Fell wieder glänzt... Der Katze gefiel es und der Großmutter tat das auch gut.

Genieße dein alltägliches normales Leben…

 

Sie war keine moderne Großmutter. Sie hatte erst mit 100 ein eigenes Telefon in der Hand. Es gab damals noch keine Fernbedienung für den Fernseher, von den modernen Technologien ganz zu schweigen. Wollten wir sie sprechen, schickten wir ein Telegramm mit der Bitte zu bestimmten Uhrzeit auf der Poststelle den Anruf entgegen zu nehmen.

Wir sahen uns selten, doch wenn ich da war fragte sie mich jede halbe Stunde, ob ich Hunger habe, oder vielleicht ein Tee will, aber wenigstens den Kuchen probieren sollte. Wenn es nichts zu tun gab, was selten war, saß sie einfach und ruhte in sich. Ich sehe sie noch heute, wie sie  gebeugt über ihrem Tee oder betend sitzt. Oder sie entspannte sich im Schatten eines Baumes auf der Bank im Garten. Dann sehe ich sie, wie sie die Welt mit neugierigen interessierten Augen beobachtet oder kurz ein Nickerchen machte. Was ich bei ihr spürte, wenn ich sie so sah, war eine wärmende Liebe verbunden mit einer tiefen Dankbarkeit…

Ich denke dabei nach, wie stark die Liebe zum Leben und der unerschöpfliche Glaube an den Sinn jeglicher Erfahrungen, egal welcher Art, in ihr waren.  Als die Zeit kam in der sie immer öfter davon sprach diese Welt bald zu verlassen, spürte sie wahrhaftig ihren Abschied. Früher hätte sie gesagt, dass sie bezweifelt in den kommenden Jahren bei der anstehenden Kartoffelpflanzung dabei sein zu können. Ihr trockener Humor ist ihr bis zum Schluss geblieben. Ich weiß, wie sehr sie Recht hatte die Welt und das Leben so zu sehen und so zu leben. Ihr verdanke ich, dass ich subtiler, intuitiver meine Prozesse durchlaufen konnte. Und es geht nicht darum, dass ich ein karges, materiell bescheidenes Leben voller Entbehrungen leben soll, um mich spirituell zu entwickeln, sondern, wie ich meine Erfahrungen verstehe und für meine eigene Entwicklung zu übersetzen und zu nutzen vermag. Es geht nicht darum sich mit dem Leben meiner Großmutter zu identifizieren oder den Versuch zu unternehmen dieses nachzuleben in der Meinung dieselben Gefühle und Ergebnisse zu erlangen. Ich gehe und lebe meinen eigenen Weg, in einer Zeit, die doch sehr anders ist. Doch ist sie das wirklich? Vielleicht in Hinsicht auf manche technische und politische Entwicklungen ›der alten Welt‹ des vorigen Jahrtausends. Jedoch die Entwicklungen aller Bereiche dieses jungen Jahrhunderts, überschlagen sich in rabiatem Tempo eines Schleudersitzes. Und dann gibt es Zeiten, in denen ich gerne meine Großmutter mit ihrer Wärme und Ruhe spüren würde. So bleiben mir nur diese Erinnerungen aus denen ich trotzdem unentwegt schöpfe. Was würde sie mir heute antworten, wenn sie mich jetzt sehen würde?

Woraus soll man die Lebensfreude schöpfen?

 

 

Ich glaube, sie würde sagen:

›…deine Suche nach dem Glück ist auf einem guten Weg. Und jetzt gehe ich in meinen Garten…‹.

 

Sie ist meine Ahnin und deshalb spüre ich eine starke Verbindung zu ihr, zu ihrer Stärke, ihrer Art das Leben zu lieben und anzunehmen, trotz Schicksalsschläge und Gegenwind.  Ich habe meine Herausforderungen, wie jeder andere auch. Doch meine Großmutter gab mir einen spirituellen Abdruck auf meiner Seele. Ein Erbe, für das ich ihr sehr dankbar bin...

 

Meine Großmutter, die sich schon lange von dieser sich schnell verändernden Welt verabschiedete, ist für mich ein Synonym des stärksten Menschen, den ich je getroffen habe. Ich erinnere mich an ihre Stärke, als Mensch, der allen bitteren historisch-politischen Schicksalsschlägen die Stirn bot, und trotz allem ein Mensch geblieben war. Ihr Glück und Lebensfreude, ihre Spiritualität waren einfach und unkompliziert, aber effektiv und gaben mir Flügel der Hoffnung und der Zuversicht.  Ihre einfache, fast schon simple Art und Weise das Leben zu leben, zu genießen und es anzunehmen, haben mich mental geprägt. Sie führte ein bescheidenes Leben, doch ihr größter Reichtum und das Glück war ihr Mensch-Sein. Sie wusste, das ist die Kunst im Kleinen genießen zu können und mit Wenig seine Freude und Glück zu fühlen, das ist die Kunst des bewussten Menschen der sich auf das Mensch-Sein besinnt.

Sie zeigte mir, dass das größte Glück dadurch entsteht, wenn man tun kann, was man will und was man gerne tut. Wichtig ist sich mit wahren Menschen zu umgeben, mit ihnen Kontakte und Beziehungen zu pflegen.

Warum soll man sich auf die Suche nach Methoden und Wegen machen, wie man die Lebensfreude und das Glück findet, wenn die Antworten überall um uns herum zu finden sind?

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